Jugend-Europameisterschaft – Michelle wird Vierte und gewinnt Silber mit der Mannschaft

Wir wurden von Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler gefragt, ob Michelle nicht kurzfristig an der Online-Jugend-Europameisterschaft in der Altersklasse U12w teilnehmen möchte. Da es schon immer ihr großer Wunsch war, an einer WM/EM teilzunehmen, haben wir natürlich nicht lange gezögert und sofort zugesagt.

Die ECU (European Chess Union) hat coronabedingt für dieses Jahr sämtliche Live-Events abgesagt. Aus diesem Grund wurde die Jugend-Europameisterschaft (Einzel- und Mannschaftswertung) vom 18.09. – 20.09.2020 online ausgetragen. Spieler eines Landes haben zusammen in einem Raum, der von Kameras und einem FIDE-Schiedsrichter überwacht wurde, gespielt. Mit einer Ausnahmegenehmigung durfte man auch von Zuhause aus spielen. Der Spielort der deutschen Delegation war das Landratsamt Weimarer Land in Apolda, das nur ca. 500 m von unserem Hotel (Hotel am Schloß Apolda) entfernt war. Dort wurde erst kürzlich eine neue Glasfaserleitung verlegt. Es schien also alles gut vorbereitet zu sein.

Gespielt wurden 9 Runden nach Schweizer System mit einer Bedenkzeit von 25 Min.+5 Sek./Zug pro Spieler.

1. Spieltag (Fr. 18.09.2020, Runden 1-3):

Um 14:59 Uhr kam es zur ersten Aufregung: Das Internet fiel aus! Und das 1 Min. vor dem angesetzten Turnierbeginn… Nach einigen Minuten ging es dann aber zum Glück wieder und die Partien konnten gestartet werden. Alle hofften natürlich, dass es bei diesem Ausfall bleiben würde. Der erste Tag verlief dann zum Glück auch ohne weitere Verbindungsprobleme.
Michelle startete mit zwei Siegen gegen Maria Criveanu und Taja Guid gut ins Turnier.
In der 3. Runde musste Michelle dann gegen Alissa Wartenberg spielen. In dieser Partie wurde Michelles Hartnäckigkeit belohnt, mit der sie ihre Gegnerin in einer Remisstellung vor viele Probleme gestellt hat und auf Zeit gewinnen konnte.

2. Spieltag (Sa. 19.09.2020, Runden 4-6):

Die 4. Runde war um 14:00 Uhr angesetzt. Michelle erspielte sich gegen die dreifache und amtierende Europameisterin (U12w) WFM Alexandra Shvedova eine ausgeglichene Stellung, die aller Voraussicht nach Remis enden würde. Michelle hatte gerade eben aufgrund ihres deutlichen Zeitvorteils das Remisangebot ihrer Gegnerin abgelehnt, doch dann wurde wohl leider der Router neugestartet (wie am Vortag schon um exakt 14:59 Uhr). Michelle verlor – so wie 5 weitere deutsche Spieler – ihre Partie auf Zeit. Natürlich war sie deshalb sehr enttäuscht. Sie hatte eine tolle Partie gespielt und nur wegen des Internetausfalls verloren, wirklich sehr schade…
Aber wer Michelle und ihren unermüdlichen Siegeswillen kennt, weiß, dass sie so schnell nichts aus der Bahn wirft. So konnte sie die nächsten beiden Patien gegen Veronika Iudina und Aikaterini Argyro Gkoutzouki für sich entscheiden – und das nach dieser Enttäuschung!

3. Spieltag (So. 20.09.2020, Runden 7-9):

Michelle ging gut vorbereitet in die 7. Runde gegen die amtierende Europameisterin (U10w) WCM Anna Shukhman. Nachdem die Stellung erst sehr nach Remis aussah, gelang es Michelle (aufgrund eines Fehlers ihrer Gegnerin) doch noch, sich einen Vorteil zu erspielen. Sie musste jedoch während der gesamten Partie daran denken, rechtzeitig (wieder um 14:59 Uhr) von LAN auf WLAN umzuschalten, wodurch sie zusätzlich gestresst war. Dieses Mal verlor sie durch den Internetausfall zum Glück nur etwa 15-20 Sekunden. In einer komplett gewonnenen Stellung versuchte Michelle in Zeitnot wieder etwas Zeit reinzuholen und machte dann jedoch den Fehler, eine dreimalige Stellungswiederholung zuzulassen. Normalerweise hätte Michelle diese Stellung in 30 Sek. problemlos „runtergeblitzt“. Obwohl ihre Gegnerin das Remis falsch reklamiert hat (sie hat zuerst den Zug ausgeführt und erst danach den Schiedsrichter über den „Call Arbiter“-Button gerufen), wurde die Partie mit Remis gewertet.
Nichtsdestotrotz freute Michelle sich über dieses Remis und schien sogar richtig erleichtert gewesen zu sein: „Hauptsache ich habe nicht wieder auf Zeit verloren.“ Schon etwas absurd, dass sie über den Ausgang dieser Partie glücklich ist, aber ich konnte sie auch verstehen. Zwei deutsche Spieler haben es mit dem Wechseln auf WLAN leider nicht geschafft und ihre Partie auf Zeit verloren…
In der 8. Runde spielte Michelle dann gegen AIM Eugenia Karas Remis. Insgesamt stand sie somit nun bei 6/8. Es war klar, dass sie in der 9. Runde nochmal voll auf Sieg spielen musste, um noch eine geringe Chance auf Bronze zu haben. Diese Aufgabe meisterte Michelle gut und sie konnte ihre letzte Partie gegen Karina Koishman gewinnen.

Die Medaillenränge hat Michelle leider knapp verpasst, dennoch spielte sie eine tolle Europameisterschaft und landete auf einem hervorragenden 4. Platz! Von den deutschen Spielern, die unter erschwerten Bedingungen in Apolda gespielt haben, erreichte sie sogar das beste Ergebnis.

Rangliste Top 10:

PlatzLandNamePunkteBuchholzElo (Rapid)
Yana Zhapova9521632
Anna Shukhman501777
Alexandra Shvedova755½1581
4Michelle Trunz7521662
5Olesia Vlasova750½1697
6Anastasia Kirtadze54½1477
7Wendy Huang50½1860
8Mariam Gvatua481353
9Iris Ciarletta47½1583
10Polina Sharapova654½1636

Michelles Spielübersicht:

Rd.Br.SnrTitelLandNameElo (Rapid)Pkt.Erg.
1355Criveanu Maria12645,0w 1
21734Guid Taja14024,5s 1
31024Wartenberg Alissa14635,0s 1
4311WFMShvedova Alexandra15817,0w 0
5819Iudina Veronika15075,0s 1
6666Gkoutzouki Aikaterini Argyro12186,0w 1
722WCMShukhman Anna17777,5w ½
8414AIMKaras Eugenia15406,0s ½
9473Koishman Karina11586,0w 1

Ergebnisse:

Alle detaillierten Ergebnisse aller 8 Altersklassen findet man auf chess-results.

Deutsche Mädchen gewinnen Silber

Dieses Turnier hat in diesem Jahr nicht nur die Europäische Einzelmeisterschaft ersetzt, sondern auch die Europäische Mannschaftsmeisterschaft. Michelle steuerte stolze 7 Punkte für die Mädchen-Mannschaftswertung bei, bei der Deutschland hinter Russland sogar die Silbermedaille gewonnen hat:

Vielen Dank an Ole Poeck für das Training mit den U12 und U14-Mädchen!

Foto vom Turnierraum:

Auf der Website des Deutschen Schachbunds gibt es auch einen Bericht sowie viele weitere Fotos: Link

Michelle hat durch dieses Turnier definitiv Selbstbewusstsein für die bevorstehenden Turniere (29.09. – 04.10.2020: Deutsche Ländermeisterschaft in Berlin / 26.10. – 01.11.2020: Deutsche Jugendeinzelmeisterschaften U12w in Willingen) getankt.

Eine Kritik an den Regeln der ECU muss ich jedoch noch loswerden: Wir sind uns sicher alle einig, dass Anti-Cheating-Maßnahmen getroffen werden müssen. Wenn sich die Teilnehmer schon zentral an einem Ort treffen und während des Spielens bereits von zwei Raumkameras überwacht werden, wieso muss dann noch unbedingt die Übertragung der Webcam sowie des Bildschirms durchgesetzt werden? Hier wurden strengere Bedingungen als bspw. bei Abiturprüfungen geschaffen, und dies zu Lasten der ehrlichen Teilnehmer. Hier hätte man bei Programmabstürzen mit mehr Fingerspitzengefühl agieren können anstatt die Regeln streng durchzusetzen. Durch dieses Vorgehen gingen z.B. bei Katerina Bräutigam gleich 2 Partien verloren, da das benötigte Programm „Zoom“ immer wieder abgestürzt ist.

Veröffentlicht in Jugend, Turnier.

2 Kommentare

  1. Herzliche Glückwünsche an Michelle zu diesem hervorragenden Erfolg und weiter so. Dank auch an den Verfasser des ausführlichen und informativen Berichtes.

  2. Vierte bei einer EM ist absolut fantastisch! Noch dazu bei 1 bis 1,5 unverschuldet verlorenen Punkten, inoffiziell also sogar Zweite!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.