Kinofilm: Schachnovelle

Läufer d3 zu e2, Dame b5 zu d7, Bauer c2 zu c3, Turm h8 zu h4, usw… jedem Schachfreund wird es klar sein, dass es sich hier um Züge auf dem Schachbrett handelt. So beginnt der Film.

Nachdem bereits seit längerem über Netflix die Serie „Das Damengambit“ ausgestrahlt wird, ist ein neuer Kinofilm mit schachlichem Bezug heraus gekommen. Es wurde „Schachnovelle“, ein Buch von Stefan Zweig, verfilmt. Es ist zwar nicht die erste Verfilmung dieses Buches, denn die Erste ist bereits ein deutscher Spielfilm aus dem Jahre 1960, aber ich habe mir mal die Zeit genommen an diesem Wochenende ins Kino zu gehen. Es ist bereits über zwanzig Jahre her, da habe ich das Buch Schachnovelle in meiner Jugend gelesen und so musste ich mir die Handlung erst einmal wieder auffrischen. Das Buch steht noch immer stiefmütterlich in meinem Bücherregal. Also nahm ich im Kinosaal meinen Platz ein. Zusammen mit weiteren 10 Zuschauerinnen und 5 Zuschauern. Oh staune, im kleinsten Kinosaal, obwohl natürlich gerade der Blockbuster James Bond 007 der Renner ist, haben sich einige Besucher der gepflegten Unterhaltung eingefunden!

Um es nicht vorwegzunehmen, setze ich hier einmal einen -SPOILERalarm-. Wer also den Kinofilm noch unvoreingenommen sehen möchte, sollte ab hier nicht mehr weiterlesen. Aber auch wer das Buch nicht kennt, keine Angst, ich werde nichts Wesentliches verraten.

Während im Buch von Stefan Zweig der Hauptprotagonist nur einfach der Gefangene Dr. B. ist, bekommt diese Rolle im Film der deutsche Schauspieler Oliver Masucci, der den Anwalt Josef Bartok spielt. Ich möchte schon hier sagen, dass insbesondere die darstellerische Leistung von Masucci spitzenmäßig ist. Also kurz vor dem 2. Weltkrieg in Wien 1938 wird Österreich vom deutschen Regime besetzt. Der Anwalt Josef Bartok wird verhaftet und in das Nobelhotel Metropol, welches die Gestapo als Hauptquartier umfunktioniert hat, festgesetzt. Als Vermögensverwalter der Reichen soll er die Codes zu den Bankkonten freigeben. Da Bartok sich aber weigert zu kooperieren, kommt er dort in Isolationshaft. Über 20 Tage, 6 Monate und einem Jahr und noch länger bleibt er standhaft, wird aber immer verweifelnder. Bis er durch Zufall an ein Schachbuch gerät.

Als Zitat im Film wird genannt: „Im Schach geht es darum, das Ego des Gegners klein zu kriegen, es zu zerbrechen und sich in die Psychologie hineinzuversetzen.“

Fazit: So ist es! Auch als Zuschauer fiebert man bei dieser deutsch, österreichischen Produktion unter Regie Philipp Stölzl in diesem Psychothriller mit. Da müssen auch schon mal die viereckigen Fliesen des Badezimmers, das quatratische Gitterrost des Bettes oder die Ziegelmauern als Felder eines Schachbrettes herhalten. Klar, dass wir in den vorkommenden Schachpartien im Film jetzt keine ausufernden analytischen Stellungen erwarten dürfen. Immerhin haben sie es geschafft in der Hauptpartie gegen den (angeblichen) Weltmeister, welcher Analphabet ist, einige eröffnungstechnische Züge korrekt darzustellen.

… die weiteren Züge werden filmerisch nicht mehr gezeigt. Es handelt sich um die Spanische Eröffnung. Leider endet diese Partie in einer Stellung, wo auf halbvollem Brett beide Könige in der Opposition mitten im Zentrum des Brettes stehen. Nicht sehr glaubwürdig. Und nein, die Figuren wurden nicht so hingestellt, dass ein Remis gegeben wurde. Aber wer weiß, vielleicht handelt es sich ja auch um 2 Damen? Da wundert es auch nicht mehr, dass im Film die Semmel (österreichisch für das Brötchen) als Schachfigur herhalten muss. Aber um die genauen Züge geht es auch nicht in diesem Film. Es geht um die Konfrontation der psychischen und menschlichen Abgründe.

Wegen einer Foltermethode ist dieser Film nichts für kleine Kinder und seinen Grips muss man auch anstrengen. Hilfreich wäre es auch, wenn man sich schon häufiger in Bayern oder Österreich im Urlaub aufgehalten hätte, denn der Film spart nicht mit dem österreichischen Dialakt. Jo‘, so ’nen Fiüm hob i‘ no’h net gesehen. Für mich auf jeden Fall war es kein Problem, die Scha(-ch)uspieler zu verstehen. Der Kinofilm „Schachnovelle“ ist sehenswert, auch wegen der schauspielerischen Leistungen und den Kostümen. Kein Wunder, dass der Film zurecht den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Bestes Kostümbild“ erhielt und in weiteren Kategorien nominiert wurde. Als Schulnote ausgedrückt hat der Film eine 2,0 verdient.

Und denken Sie daran: Schreiben Sie auf! Schreiben Sie es auf! (die Schach-Notation; im Film für Insider noch etwas anderes.) 

Wolfgang Otto

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